Vernetzter OP - Starke Teamarbeit

In der neurochirurgischen Klinik der Universität Ulm am Günzburger Bezirkskrankenhaus sind nicht nur Ärzte und Pfleger eine eingespielte Einheit. In der Brain-Suite, einem der bundesweit ersten OPs mit integrierter Magnetresonanztomografie und Neuronavigation, beweisen auch die Kooperationspartner Siemens, BrainLAB, Zeiss und TRUMPF Teamgeist im Dienste der intraoperativen Diagnostik.

Nicht nur als innovativ, sondern auch als besonders praktisch hat sich im Bezirkskrankenhaus Günzburg der MRT im Operationssaal erwiesen.
Nicht nur als innovativ, sondern auch als besonders praktisch hat sich im Bezirkskrankenhaus Günzburg der MRT im Operationssaal erwiesen.

Ein wenig schwerfällig bewegt sie sich, die Tür zu OP 4 der Neurochirurgie des Bezirkskrankenhauses im bayerischen Günzburg. „Das liegt an ihrer HF-Dämmung“, erklärt Pflegedienstleiter Josef Birzle. Er verantwortete auch die Installation des Operationssaals, der sich hinter dieser Tür verbirgt: die so genannte BrainSuite, ein OP mit integrierter Magnetresonanztomografie. „Jede elektromagnetische Welle stört die Bildgebung des Kernspins, sodass die Abschirmmaßnahmen schon bei den Türen beginnen“, erläutert Birzle. Hinter dem Namen BrainSuite steckt das präzise Zusammenspiel eines hochauflösenden MRTs Magnetom Espree von Siemens Healthcare, eines Navigations- und Datenmanagementsystems von BrainLAB, eines deckenmontierten Operationsmikroskops der Firma Zeiss und des OP-Tisch-Systems Jupiter von TRUMPF. Ihr gemeinsames Ziel: Chirurgen, Pflegepersonal und nicht zuletzt den Patienten langwierige und oftmals komplexe Gehirnoperationen zu erleichtern. Seit Beginn der Planung des neuen OP-Areals, das seit Dezember 2007 in Betrieb ist, habe man mit einem solchen Saal geliebäugelt, erklärt Birzle. Nun ist der Wunsch Realität geworden: Seit September 2008 operieren die Günzburger Neurochirurgen um den Ärztlichen Direktor Prof. Dr. Christian Rainer Wirtz in der BrainSuite. Die medizinischen Projektleiter Dr. Thomas Schmidt und Dr. Ralph König berichten von durchweg positiven Erfahrungen in punkto Arbeitsabläufen, Patientensicherheit und chirurgischer Präzision.

Sicherheitsaspekte stehen beim MRT im OP im Vordergrund

Im OP steht besonders der Sicherheitsaspekt im Vordergrund. Farbige Markierungen am Boden zeigen den Ärzten und dem Pflegepersonal die kritischen Bereiche des Magnetfelds an. So befindet sich der 1,5-Tesla-MRT innerhalb der rot markierten 50-Gauß-Linie und der gelb markierten 5-Gauß-Linie. Patienten, die metallische Fremdkörper wie einen Herzschrittmacher in sich tragen, dürfen diese Linien nicht passieren. „Denn der würde nicht mehr funktionieren“, erklärt Dr. Schmidt. „In einem ausführlichen Anamnesebogen wird dies genau abgefragt und natürlich gibt es vor der Operation eine klinische Untersuchung.“ Auch das Instrumentarium rund um den OP-Tisch befindet sich in sicherem Abstand zum Magnetfeld. Die Arbeit mit einem MRT im OP ist zwar eine Herausforderung – doch sie bringt auch viele Vorteile: „Sobald während der Gehirn-OP zum Beispiel Nervenwasser abläuft, verändert sich die Anatomie. Dabei handelt es sich um den so genannten Brainshift“, erläutert Dr. Schmidt. „Und ein Kernspin, das zuvor gemacht wurde, ist schlichtweg nicht mehr aktuell.“ Überdies seien bestimmte Gehirntumore vom gesunden Gewebe nur schwer zu unterscheiden. Die Anfertigung aktueller MRTBilder leistet hier wertvolle Unterstützung. „Das Gehirn kann sehr vielfältig dargestellt werden“, so Dr. Schmidt. „Man kann Anatomie oder Funktionszentren, Leitungsbahnen oder Durchblutungsstörungen abbilden – und damit in unserer Disziplin sehr viel mehr Fragestellungen beantworten als mit der Computertomografie.“ Die Präzision des chirurgischen Eingriffs erhöht sich deutlich und reduziert das Risiko neurologischer Ausfälle.

Enge Verzahnung aller Arbeitsschritte

Ein Vorteil des OP-Tischsystems Jupiter von TRUMPF ist, dass der Patient vorbereitet werden kann und während der gesamten Operation in der fixierten Position verbleibt.
Ein Vorteil des OP-Tischsystems Jupiter von TRUMPF ist, dass der Patient vorbereitet werden kann und während der gesamten Operation in der fixierten Position verbleibt.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssen in der BrainSuite sämtliche Arbeitsabläufe aufeinander abgestimmt sein. Eine Operation beginnt zunächst mit der Vorbereitung des Patienten im zentralen Einleitungsraum der Neuroanästhesie. Im OP wird er auf der OP-Tischplatte gelagert und sein Kopf in die Kopfhalterung mit integrierter MR-Spule eingespannt. Diese Position bleibt während der gesamten Operation und des Tranfers in den MRT unverändert.

Möglich macht dies das Tischkonzept Jupiter von TRUMPF in Kombination mit einem gemeinsam mit Siemens entwickelten Myiabi-Konzept: Es ermöglicht, dass der Tisch manuell in die Transferposition gedreht werden kann. Über die Tisch-Fernbedienung lässt sich die Platte exakt in Richtung des MRTWechseltischs ausrichten und im Vorfeld abspeichern.

So fährt der Tisch in seine genaue Position, das integrierte, so genannte Bridgeboard wird ausgeklappt und der Tisch muss nur noch auf die MRT-Schiene abgelassen werden. Liegt die Tischplatte komplett auf dem MRT-Tisch auf, stoppt diese automatisch und wird für den weiteren Transfer freigegeben. „Eine echte Millimeterarbeit, vor allem auch für Siemens und TRUMPF. OPSäule und Isozentrum des MRTs müssen schließlich nicht nur auf dem Plan, sondern auch in der realen Umsetzung genau auf einer Achse liegen“, erklärt Projektleiter Birzle.

MRT-Scan während der OP

Die hohe Flexibilität des OP-Tischs Jupiter ermöglicht es, unterschiedliche Operationen auf ein und demselben Tisch durchzuführen – zum Beispiel auch in Bauchlage.
Die hohe Flexibilität des OP-Tischs Jupiter ermöglicht es, unterschiedliche Operationen auf ein und demselben Tisch durchzuführen – zum Beispiel auch in Bauchlage.

Auf der OP-Tischplatte wird der Patient in den Magneten geschoben. Auch hier ist die Sicherheit entscheidend, da Anästhesiegeräte sowie Beatmungs- und Infusionsschläuche ebenfalls vorsichtig mittransportiert werden müssen. Diese sind auch die einzigen, die bis an den Magneten herangefahren werden können und ihn trotzdem nicht beeinflussen. Zwar laufen auch sie mit Strom, sind aber komplett abgeschirmt.

Die steril abgedeckte Kopfspule wird nun an den MRT angeschlossen. Für den Scanprozess verlässt das komplette Team den Raum und schaltet über eine zentrale Bedieneinheit alle bis auf die für die Narkose erforderlichen Geräte aus. Im stromlosen OP kann der MRT nun störungsfrei arbeiten, während Ärzte und OP-Personal durch eine Glasscheibe sowie über eine Raumkamera jederzeit ein Auge auf den Patienten haben.

Sämtliche Überwachungssignale der Anästhesie sind über eine WLAN-Verbindung einsehbar, sodass die Messung im Notfall jederzeit abgebrochen werden kann. Im Anschluss gelangt der Patient über denselben Weg wieder zurück in die OP-Position – und der Eingriff kann weitergehen.

Der Transfer muss so zeitsparend wie möglich, aber natürlich unter Einhaltung aller Sicherheitskriterien erfolgen. Nicht zuletzt deshalb fiel die Entscheidung für den OP-Tisch Jupiter, kombiniert mit dem Myiabi-Konzept von Siemens und TRUMPF. „Wir suchten nach einer Lösung, um den Patienten so einfach und behutsam wie möglich von der OP-Position in den MRT zu transportieren“, erklärt Dr. Schmidt.

Der Patient muss sich immer exakt in der gleichen Position befinden

Wichtig ist, dass der Patient vor, während und nach dem Transport vom Operationsfeld zum MRT und wieder zurück stets exakt dieselbe Position behält.
Wichtig ist, dass der Patient vor, während und nach dem Transport vom Operationsfeld zum MRT und wieder zurück stets exakt dieselbe Position behält.

Denn für die Genauigkeit der Navigation ist ausschlaggebend, dass sich der Patient immer in exakt derselben Lage befindet. Wichtig überdies: Der Abstand des Tischs zum Magnetfeld, sodass Chirurgen und Pflegepersonal frei und sicher arbeiten, beispielsweise auch um den Tisch herumlaufen können.

Beides ermöglicht Jupiter dank der extremen Flexibilität und Präzision seiner Platte und des zusätzlichen Bridgeboards. „Wir befinden uns zwar in einem Raum – aber funktionell sprechen wir von zwei verschiedenen Bereichen, die getrennt sind: dem OP- und dem MRTBereich.“ „Alles in allem dauert das Scannen inklusive Transfer ca. 30 Minuten“, berichtet Dr. Schmidt. „Das verlängert zwar die OP-Zeit, doch durch den Nutzen der intraoperativen Diagnostik relativiert sich das wieder. Sollten die Bilder zeigen, dass ein Tumor noch nicht komplett entfernt ist, können wir diesen möglicherweise nachresizieren – und ersparen dem Patienten gegebenenfalls eine weitere Operation.“ Je nach Indikation und Tumor kommt der MRT zwei bis drei Mal während einer OP zum Einsatz. Dabei handelt es sich meist um einen präoperativen, einen intraoperativen und sofern ein Resttumor vorhanden war, einen weiteren intraoperativen Scan. Innerhalb weniger Minuten wandelt die Software von BrainLAB die MRTAufnahme in ein 3D-Bild um und spielt dieses in das Navigationssystem ein.

Über in die Kopfspule integrierte Marker lässt sich dieses mit einer Infrarotkamera referenzieren. So erhält das Navigationssystem die Information, wo sich der Patientenkopf im Raum befindet und stellt sämtliche Daten für die Fortsetzung der Operation zur Verfügung. Über das Datenmanagementsystem BrainSuite NET kann der Operateur per Touchscreen die OP-Technik wie Navigation, Beleuchtung und Lüftung eigenhändig steuern und Patientendaten aufrufen.

Mithilfe des modernen Beleuchtungskonzepts von Trumpf können die Chirurgen exakt die Lichtstimmung schaffen, die das Gewebe am besten darstellt und dabei die Augen der Operateure möglichst wenig ermüden lässt.
Mithilfe des modernen Beleuchtungskonzepts von TRUMPF können die Chirurgen exakt die Lichtstimmung schaffen, die das Gewebe am besten darstellt und dabei die Augen der Operateure möglichst wenig ermüden lässt.

So kann er selbst bestimmen, was genau er auf welchem der drei großen Flachbildschirme angezeigt haben möchte: Beispielsweise links das aktuelle MRT-Bild, in der Mitte sein Mikroskopbild und rechts eine andere, etwa präoperative Bildsequenz. „Im Prinzip funktioniert das Ganze wie ein Navigationssystem im Auto“, erklärt Dr. Schmidt. „Sie fahren – und sehen plötzlich eine neue Abzweigung, die das System noch nicht kennt. Würde man nun davon selbst eine digitale Aufnahme machen und in das Navigationssystem einspeisen, würde es diese neue Straße das nächste Mal anzeigen. So wird das hier auch gemacht.“

Durch die aktuell eingespielten MRT-Bilder steigen die Chancen, eine vollständige Resektion zu erreichen – bei Erhalt der neurologischen Funktionszentren.

Insgesamt ziehen die Günzburger Mediziner ein erstes positives Fazit. Trotz des zusätzlichen Aufwands lagen bislang alle OP-Zeiten unter zehn Stunden. „Im Vergleich ist das sehr gut“, betont Dr. Schmidt. „In der Neurochirurgie sind wir lange OP-Zeiten gewohnt, gerade in der Nervenchirurgie können OPs auch mal 13 bis 14 Stunden dauern.“ Darüber hinaus verhindert die erhöhte Präzision in vielen Fällen eine zweite OP, die im gleichen Gebiet auch immer mit einem erhöhten Komplikationsrisiko einhergeht. Auch der einfache und sichere Patiententransfer sowie die schnelle, qualitativ hochwertige Bildgebung tragen zu verbesserten Arbeitsbedingungen und -abläufen in der BrainSuite bei. „Für die Zukunft rechnen wir mit einer Auslastung von bis zu 100 OPs pro Jahr“, rechnet Dr. Schmidt.

Funktionsvielfalt schafft Flexibilität

Für mehr Effizienz sorgt auch der OP-Tisch Jupiter mit seinem Wechselplattensystem, denn auf die Säule passt auch jede andere Tischplatte von TRUMPF. „Das ist ein zusätzlicher Vorteil, weil dadurch in diesem Saal auch andere Operationen stattfinden könnten – etwa eine Bandscheiben-OP, die in einer Bauchlage operiert werden muss“, erklärt Josef Birzle. „Er ist also ein flexibel nutzbarer OP. Nicht zuletzt auch dadurch, dass sich der operative Arbeitsbereich komplett außerhalb des relevanten Magnetfelds befindet, was bei anderen Tischkonzepten nicht der Fall gewesen wäre.“ Auch nicht-operative Patienten können im MRT gescannt werden, hier erfolgt der Andockprozess über einen Trolley mit OP-Platte. „Die BrainSuite ist in vielerlei Hinsicht einfach eine integrierte Funktionseinheit, die vom genauen Zusammenspiel aller Komponenten lebt“, resümiert Josef Birzle. „Das ist ihr großes Plus.“

Weitere Informationen
www.brainsuite-guenzburg.de

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